Gartler sein? Gartler werden.
Geduld bringt Rosen. Heißts.
Die jahrelange Wartezeit auf unseren Garten haben wir mit Besuchen in Gartencentern, Schmökern in Pflanzenkatalogen und Spaziergängen durch die Kleingartenanlagen in unserer Nähe überbrückt. Dann hatten wir endlich unser kleines eigenes Reich – und sind zwischen hektischem Aktionismus (Erst mal das Unkraut raus!) und ratloser Erstarrung (War das überhaupt Unkraut?) geschwankt. Wo, wie, womit, wann anfangen?
Zum Glück hatten wir unsere sehr liebe, lustige und äußerst kundige Nachbarin, die uns die ersten Jahre viel gezeigt und erklärt hat. Ihr bester Rat: Geduld. Dem Garten und uns zuliebe.
Während des ersten Jahres konnten wir uns immerhin schon mal regelmäßig den gröbsten Überwucherungen widmen, die dringendsten Reparaturen an der alten Laube erledigen (verfaulte Balken und nicht mehr vorhandene Träger) und dafür sorgen, dass Hecke und Sträucher die vorgeschriebenen Maße nicht übersteigen. In jeder Jahreszeit zu beobachten, wie der Garten sich verändert und welche Pflanzen zum Vorschein kommen, hat Spaß gemacht.
Bei Fragen, die wir unserem Vorpächter nicht mehr stellen konnten, hat unsere Nachbarin geduldig und mit Humor (Das musst du nicht extra gießen, dieses Unkraut ist Pfahlwurzler.) geholfen. Toll wäre es auch gewesen, uns den Garten gemeinsam mit Fachberatern anzuschauen und dabei Tipps und Informationen zu erhalten. Aber die gab es damals vielleicht noch nicht in unserem Verein.

Viele Gartenmagazine und Gartensendungen später haben wir uns eine Reihe von Fragen überlegt, mit deren Hilfe wir zu möglichst verschiedenen Tages- und Jahreszeiten an unterschiedliche Stellen im Garten unsere Pläne gemacht haben:
- Nach welcher Himmelsrichtung ist unser Garten ausgerichtet?
- Wie wandert die Sonne (Frühling, Sommer, Herbst, Winter)?
- Wo gibt es zu welcher Tages- und Jahreszeit Schatten, Sonne oder Halbschatten?
- Wo bleibt der Schnee länger liegen, wo taut er besonders schnell?
- Gibt es auffällig trockene oder nasse Stellen im Garten? (Überschwemmungsgefahr fürs Häusl)
- Wo ist es windig und zieht?
- Wo fällt besonders viel Laub herunter?
- Welche bereits vorhandenen Pflanzen gedeihen an ihren Standorten gut, welche kümmern?
- Gefallen uns die übers Jahr beobachteten Pflanzen, oder möchten wir andere?
- Sollte und kann man bestimmte Pflanzen versetzen?
- Gibt es auffällige Krankheiten oder Schädlinge an bestimmten Pflanzen? (Kirsche mit Schrotschuss und ungenießbaren Kirschen, Ackerwinde 2 Jahre wöchentlich 2x jäten)
- Welche Art von Erde hat unser Garten, was kommt unter der Erdschicht? (Kies, Beton, Schutt, Platten, Glasscheiben, Flechteisen, Ziegel, Knochen)
- Wo können wir zu welcher Tages- und Jahreszeit gemütlich sitzen, auf der Liege ausruhen (haha!), windgeschützt essen?
- Gefällt uns die Gesamtanlage – Beete, Wege, Grasflächen, Terrasse – und die Atmosphäre unseres Gartens, oder möchten wir manches ändern?
- Wie ist der Zustand der Laube; was muss/darf gemacht werden? (Betonversiegelung entfernen)
- Sind die geplanten Änderungen sinnvoll, bezahlbar, durchführbar, erlaubt?
- Welche Tiere finden sich übers Jahr im Garten ein? (Dachs, Marder, Füchse, Katzen, Hunde, Igel, Garten- und Raubvögel, Frösche, Kröten, Lurche, Insekten, Mäuse, Reiher, Oachkatzl)
- Wo und wie können wir Brut-, Futterplätze und Tränken einrichten?
- Was hat hier gegraben / gekackt / angefressen / umgeworfen / totgebissen / niedergetrampelt / das Zeitliche gesegnet?
- Welche Geräte und Werkzeuge sind vorhanden, können von Nachbarn oder beim Verein geliehen werden oder müssen angeschafft werden?
- Hat unser Garten schon einen Kompost und in welchem Zustand ist er? (Jämmerlich und am falschen Ort)
- Entspricht die Einrichtung der Laube unserer Nutzung? (nope)
- Was erweist sich als unpraktisch in Garten und Laube? (Arbeitswege, genug Platz)
- Wo können wir welche Pflanzen kaufen? (Internet und Gärtnereien/Gartencenter)
- Welche Bedürfnisse (Sonne/Schatten, feucht/trocken, Temperatur, Schnitt, Boden) und Ausmaße (max. Höhe und Breite) haben die gewünschten Pflanzen?
- Welche Standorte eignen sich für welche Pflanzen?
- Wissen wir überhaupt etwas über Gemüse- und Obstanbau? (gar nix)
- Warum reißt man immer aus, was man vorher extra gesät hat? (Weil das ehernes Gesetz ist.)
- Haben wir nicht doch einen Riesenfehler gemacht?
War es dann endlich an der Zeit, haben wir uns einzelne Projekte vorgenommen und nicht versucht, die komplette Parzelle auf einmal zu bearbeiten. Das hat uns viel Frust erspart und über schnelle Teilerfolge haben wir uns gefreut. Auch die Aufteilung in Beziehung-schonende Zuständigkeiten konnte so gelingen…
Die berühmte britische Gartengestalterin Beth Chatto hatte den Leitsatz „right plant right place“ (die richtige Pflanze am richtigen Ort), den auch wir bei jeder Pflanzenwahl beherzigen. Und: Pflanzen sind Lebewesen und brauchen Zeit! Wenn die frisch gesäte oder gesetzte Pflanze nicht sofort Blüten oder Früchte produziert, ist das normal, nach unserer Erfahrung. Sie muss erst einwurzeln, sich an den ungewohnten Boden und die Bedingungen gewöhnen. Das kann auch mal 3–4 Jahre dauern. Oder es handelt sich um eine zweijährige Pflanze? Also: Ruhe bewahren und der Pflanze genügend Zeit geben. Selbst beschädigte Pflanzen haben meist ein ungeheures Durchhaltevermögen und werden bei uns nicht gleich entsorgt. Erst, wenn sie sich wirklich nicht mehr derrappelt, nehmen wir Abschied und sausen zum Gartencenter.